
Die islamische Hochzeit (Nikah) ist ein feierlicher Ehevertrag zwischen Braut und Bräutigam, der in 30-60 Minuten vor einem Imam geschlossen wird1. Zentrale Elemente sind die Mahr (Brautgabe vom Bräutigam), zwei muslimische Zeugen, der Wali (Vormund der Braut) und die dreifache Zustimmung beider Partner. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Nikah religiös bedeutsam, aber rechtlich nicht bindend – eine standesamtliche Trauung muss zwingend vorausgehen2. Etwa 5,5 Millionen Muslime leben in Deutschland3, für die die Nikah oft als die eigentliche, moralisch verpflichtende Hochzeit gilt.
Was ist die Nikah?
Die Nikah ist die islamische Eheschließung und bedeutet wörtlich „Verbindung" oder „Vereinigung". Anders als bei christlichen Trauungen handelt es sich um einen Vertrag (Aqd) zwischen zwei Parteien, der vor Zeugen und einer religiösen Autoritätsperson geschlossen wird4. Die Ehe gilt im Islam als heilige Institution und wird als halbe Vollendung des Glaubens betrachtet.
Der Vertrag legt die gegenseitigen Rechte und Pflichten fest. Anders als bei einer rein emotionalen Zeremonie hat die Nikah klare vertragliche Elemente: die Vereinbarung über die Mahr, die Zustimmung beider Partner und optional weitere Vereinbarungen zur Lebensführung. Der Ehevertrag kann schriftlich festgehalten werden und Regelungen zur Familienplanung, zum Wohnsitz oder zur Berufstätigkeit der Frau enthalten5.
Die Nikah unterscheidet sich von der standesamtlichen Trauung durch ihren religiösen Charakter. Während das Standesamt einen bürokratischen Akt vollzieht, verbindet die Nikah das Paar vor Gott und der Gemeinschaft. Für gläubige Muslime ist erst nach der Nikah ein gemeinsames Leben als Ehepaar möglich.
Ablauf der islamischen Hochzeit
Die Nikah-Zeremonie folgt einem strukturierten Ablauf, der je nach kulturellem Hintergrund leicht variieren kann. Die religiösen Kernelemente bleiben jedoch gleich.
| Schritt | Beschreibung | Dauer |
|---|---|---|
| 1. Rituelle Waschung (Ghusl) | Braut und Bräutigam reinigen sich rituell vor der Zeremonie | Vor der Zeremonie |
| 2. Versammlung | Brautpaar, Imam, Wali, Zeugen und Gäste versammeln sich | 5-10 Min. |
| 3. Khutbah | Eröffnungspredigt des Imams mit Koranrezitation | 10-15 Min. |
| 4. Mahr-Vereinbarung | Brautgabe wird besprochen und vom Wali akzeptiert | 5-10 Min. |
| 5. Ijab (Angebot) | Der Wali bietet die Braut zur Ehe an | 2-3 Min. |
| 6. Qabul (Annahme) | Der Bräutigam nimmt dreimal an | 2-3 Min. |
| 7. Ehevertrag | Unterzeichnung des schriftlichen Vertrags | 5 Min. |
| 8. Dua (Segensgebet) | Gemeinsames Gebet für das Brautpaar | 5-10 Min. |
| 9. Gratulationen | Glückwünsche der Anwesenden | 10-15 Min. |
Die dreifache Frage an den Bräutigam ist charakteristisch für die Nikah. Der Imam fragt dreimal, ob der Bräutigam die Braut heiraten möchte, und dieser muss dreimal mit „Ja" (Qabul) antworten1. Erst danach gilt die Ehe als geschlossen.
Der Ort der Zeremonie kann variieren. Traditionell findet die Nikah in einer Moschee, im Haus der Brauteltern oder in einem angemieteten Saal statt. Die Moschee wird wegen der spirituellen Atmosphäre oft bevorzugt, ist aber keine Voraussetzung4.
Die wichtigsten Elemente der Nikah
Mahr (Brautgabe)
Die Mahr ist ein zentrales Element des islamischen Ehevertrags. Sie ist ein Geschenk vom Bräutigam an die Braut und wird ihr alleiniges Eigentum6. Die Mahr kann aus Geld, Gold, Schmuck oder anderen Wertgegenständen bestehen und dient als finanzielle Absicherung der Frau, besonders im Falle einer Scheidung.
| Mahr-Typ | Beschreibung | Übliche Höhe |
|---|---|---|
| Mahr muajjal | Sofortige Mahr, bei der Hochzeit übergeben | 500-5.000 € |
| Mahr mu'ajjal | Aufgeschobene Mahr, bei Scheidung oder Tod fällig | 1.000-10.000 € |
| Symbolische Mahr | Geringer Wert, z.B. Koran, Goldring | 50-500 € |
Die Höhe der Mahr wird vor der Hochzeit zwischen den Familien verhandelt und im Ehevertrag festgehalten. Sie sollte im Vorfeld geklärt werden, um Unstimmigkeiten vor dem Imam zu vermeiden1.
Wali (Vormund der Braut)
Der Wali ist der männliche Vormund der Braut, üblicherweise ihr Vater. Ist dieser nicht verfügbar, kann ein Bruder, Onkel oder ein von der Braut bestimmter Vertreter diese Rolle übernehmen4. Der Wali gibt im Namen der Braut die Zustimmung zur Ehe (Ijab).
Die Rolle des Wali ist traditionell, wird aber in modernen Kontexten unterschiedlich gehandhabt. Manche Paare verzichten auf diese Tradition, wenn die Braut es wünscht und der Imam zustimmt.
Zeugen (Shahid)
Mindestens zwei muslimische Zeugen müssen bei der Nikah anwesend sein. Traditionell sind dies zwei erwachsene muslimische Männer. Alternativ kann ein Mann durch zwei Frauen ersetzt werden, sodass ein Mann und zwei Frauen als Zeugen dienen1.
Die Zeugen bestätigen, dass beide Partner freiwillig und bei vollem Bewusstsein in die Ehe eingewilligt haben. Ihre Anwesenheit macht die Ehe öffentlich und gültig.
Islamische Hochzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Im gesamten deutschsprachigen Raum ist die Nikah religiös bedeutsam, hat aber keine rechtliche Wirkung. Eine standesamtliche Trauung ist zwingend erforderlich.
| Aspekt | Deutschland | Österreich | Schweiz |
|---|---|---|---|
| Rechtliche Anerkennung | Keine | Keine | Keine |
| Standesamt vorher Pflicht | Ja | Ja | Ja, gesetzlich verboten ohne |
| Zuständige Organisation | DITIB, Islamrat, lokale Moscheen | IGGÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft) | Lokale Moscheen, z.B. Al-Rahman |
| Verbot religiöser Trauung ohne Standesamt | Empfohlen, nicht gesetzlich | Nein, aber IGGÖ verlangt es | Ja, gesetzlich verboten |
| Muslimische Bevölkerung | ca. 5,5 Mio. | ca. 800.000 | ca. 450.000 |
Deutschland: Die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) und andere islamische Verbände bieten Trauungen an7. Viele Moscheen führen keine Nikah ohne vorherige standesamtliche Heiratsurkunde durch, um rechtliche Komplikationen zu vermeiden.
Österreich: Die IGGÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) ist die offizielle Vertretung der Muslime und führt religiöse Trauungen durch2. Sie verlangt die Vorlage der standesamtlichen Heiratsurkunde.
Schweiz: Religiöse Trauungen ohne vorherige Ziviltrauung sind gesetzlich verboten. Das Bundesamt für Justiz stellt klar, dass Verantwortliche religiöser Gemeinschaften sich strafbar machen, wenn sie ohne zivile Trauung religiös trauen8. Moscheen wie Al-Rahman in Winterthur bieten Trauungen nur für in der Schweiz wohnhafte Personen an.
Die rechtliche Situation schützt beide Partner: Ohne standesamtliche Trauung hätte die Frau bei einer Trennung keinen Anspruch auf Unterhalt oder Vermögensteilung nach deutschem, österreichischem oder schweizerischem Recht.
Kulturelle Unterschiede bei islamischen Hochzeiten
Die islamischen Grundelemente (Mahr, Zeugen, Wali) sind universell, aber die Traditionen drumherum variieren stark nach Herkunftsland.
Türkische Traditionen
Die türkische islamische Hochzeit ist oft Teil einer mehrtägigen Feier. Der Kina Gecesi (Hennaabend) findet ein bis zwei Tage vor der Hochzeit statt. Frauen feiern unter sich, die Hände der Braut werden mit Henna bemalt, und es wird getanzt9. Die eigentliche Nikah ist meist schlicht, gefolgt von einer großen Walima mit Hunderten von Gästen.
Arabische Traditionen
Arabische Hochzeiten können ebenfalls mehrere Tage dauern. Die Mahr ist traditionell höher angesetzt. Eine Geschlechtertrennung bei der Feier ist häufiger als bei türkischen Hochzeiten. Die Braut trägt oft aufwendigen Goldschmuck als Teil der Mahr.
Marokkanische Traditionen
Marokkanische Hochzeiten sind für ihre Pracht bekannt und dauern typischerweise zwei bis drei Tage9. Die Braut wechselt bis zu sieben Mal das Outfit, darunter traditionelle Kaftane. Milch und Datteln symbolisieren Fruchtbarkeit und Reinheit. Am letzten Tag zieht die Braut ins Haus des Bräutigams ein.
Pakistanische und indische Traditionen
Die Mehndi-Zeremonie (Hennaabend) ist besonders aufwendig. Der Baraat, der festliche Einzug des Bräutigams, und die Rukhsati, der emotionale Abschied der Braut von ihrer Familie, sind wichtige Rituale4.
Dresscode und Etikette
Die Nikah selbst ist eine schlichte Zeremonie, bei der dezente Kleidung angemessen ist. Die große Feier (Walima) erlaubt mehr Festlichkeit.
Für die Braut:
- Bei der Nikah: saubere, bedeckende Kleidung, Kopftuch obligatorisch
- Bei der Walima: weißes Brautkleid oder traditionelle Gewänder (Kaftan, Lehenga), Schleier oder Hijab
Für den Bräutigam:
- Bei der Nikah: Anzug oder traditionelle Kleidung
- Bei der Walima: festlicher Anzug oder traditionelle Gewänder wie Djellaba (marokkanisch) oder Sherwani (pakistanisch)
Für Gäste:
- Dezente, bedeckende Kleidung (Arme und Beine bedeckt)
- Frauen können aus Respekt ein Kopftuch tragen, es ist aber für nicht-muslimische Gäste nicht verpflichtend
- Keine aufreizende oder zu enge Kleidung
- Bei Geschlechtertrennung: Frauen und Männer feiern in getrennten Räumen
Die Etikette variiert nach Familie und Tradition. Es empfiehlt sich, vorab zu fragen, ob besondere Regeln gelten.
Nach der Nikah: Die Walima
Die Walima ist das festliche Hochzeitsmahl, das der Bräutigam nach der Nikah ausrichtet. Sie dient dazu, die Gemeinschaft über die Eheschließung zu informieren und Gottes Segen zu erbitten4.
Die Walima kann sehr unterschiedlich ausfallen – von einem einfachen Essen im Familienkreis bis zu einer Großveranstaltung mit mehreren hundert Gästen. Traditionell zahlt die Familie des Bräutigams. Das Essen muss halal sein (nach islamischen Speisevorschriften).
Geschenke zur Walima bestehen traditionell aus Geld, Gold oder Schmuck. Als Gast ist es üblich, ein Geldgeschenk zu überreichen. Die Beträge entsprechen denen bei anderen Hochzeitsgeschenken: 50-150 € pro Person, bei engeren Verwandten mehr.
Praktische Tipps für Paare
Imam finden: Kontaktieren Sie lokale Moscheen oder islamische Gemeinden. DITIB, der Islamrat oder unabhängige Moscheen bieten Trauungen an. Manche Imame kommen auch für Haustrauungen.
Ablauf mit Standesamt koordinieren: Die standesamtliche Trauung muss vor der Nikah erfolgen. Planen Sie beides am selben Tag oder mit wenigen Tagen Abstand. Manche Paare feiern standesamtlich im kleinen Kreis und die Walima groß.
Ehevertrag vorbereiten: Besprechen Sie die Mahr und eventuelle weitere Vereinbarungen im Vorfeld mit beiden Familien. Der Imam kann bei der Formulierung helfen.
Kosten einplanen: Die Nikah selbst ist meist kostengünstig (Spende an die Moschee: 50-200 €, Imam: 100-300 €). Die Hauptkosten entstehen bei der Walima (Catering, Location, Dekoration).
Gäste informieren: Nicht-muslimische Gäste sollten über den Ablauf und die Etikette informiert werden. Eine kurze Erklärung im Einladungstext oder persönlich hilft, Unsicherheiten zu vermeiden.
Quellen und Referenzen
Footnotes
-
Antrag24.de, Islamische Trauung: Voraussetzungen, Ablauf und Bräuche, 2024. https://www.antrag24.de/c/islamische-trauung/ ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
Oesterreich.gv.at, Islamische Trauung, 2024. https://www.oesterreich.gv.at/de/themen/familie_und_partnerschaft/partnerschaft-und-ehe/heirat/1/2/Seite.070425 ↩ ↩2
-
Statistisches Bundesamt, Muslime in Deutschland, destatis.de, 2024. https://www.destatis.de/ ↩
-
ImmerSalam, Islamische Hochzeit in Deutschland, 2024. https://immersalam.de/blog/wissen/islamische-hochzeit/ ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Hochzeit-Brautinfo.at, Muslimische Trauung: Hochzeitszeremonien, 2024. https://www.hochzeit-brautinfo.at/tipps-more/spirituelles/muslimische-trauung.html ↩
-
ThePerfectWedding.de, Muslimische Hochzeit – So heiratet man im Islam, 2024. https://www.theperfectwedding.de/artikel/4336/muslimische-hochzeit ↩
-
DITIB, Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, ditib.de, 2024. https://www.ditib.de ↩
-
Bundesamt für Justiz Schweiz, Merkblatt religiöse Eheschliessung, bj.admin.ch, 2012. https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/gesellschaft/zivilstand/merkblaetter.html ↩
-
Rishta Nata Deutschland, An-nikah – Die islamische Trauung, 2024. https://rishta-nata.de/guidance-resources/an-nikah-die-islamische-trauung1 ↩ ↩2